Der längste Tag …

Nach ziemlich genau 25 Jahren, jetzt im November 2021, ist es an der Zeit zu beichten oder von großem Glück zu berichten, je nachdem, wie man es

BMW 1076-1betrachten möchte.

Gehen wir also zurück zum Juli oder August 1976. Das Foto zeigt die gepackte Gummikuh. Der aufmerksame Betrachter wird neben dem Römertopf den weiteren Halbschalenhelm erkennen, aber dazu erst später.

Hier ist zu bekennen, der Stud.Phys. N.M. hatte die Geheimnisse des sehr geehrten Herrn James Clark Maxwell noch nicht ausreichend verinnerlicht, vulgo: Kurzschluss, aber auch dazu später.

Bilder vorab? https://wordpress.hol-den-ball.de/piwigo/index.php?/category/75

Nennen wir die Startbedingungen, die CB 250 war gegen die R75/5 ersetzt. Der Motor war mit eigener Hand überholt, also Ventile einschleifen, neue Kurbelwellenlager, Getriebereparatur. Also so ganz unfähig war der Stud.Phys. N.M. dann ja nun doch nicht.

Ist es aber nicht ein bisschen Hybris, wenn der gesamte französische Wortschatz, eher ein Wortsatz, also schon ein Satz mit mehreren Wörtern, aus: „francais je n’ai pas compris …“ besteht? Wenn ich es richtig erinnere, war die Kreditkarte damals das Postsparbuch, aber jedes Dorf hatte in ganz Europa ein Postamt und man konnte dort sowohl telefonieren (kein [!] Handy), als auch Geld abheben, natürlich in Franc. Umrechnungskurs war etwa 1 DM = 6 oder 7 Franc.

Die Besorgnis, nicht ausreichend vorbereitet zu sein, war mehr technischer Natur. Einige Ersatzteile, da schwer, trugen sicher zum „Über“ladezustand der Fuhre bei. Eine weitere Angst war der Diebstahl des kostbaren Fahrzeuges, immerhin steckte ja fast das ganze Vermögen des Stud.Phys. darin.

Abhilfe sollte eine Alarmanlage schaffen, die per Schalter am Hauptständer die Hupen auslöste und zwar auch dann, wenn die Zündung ausgeschaltet war. Zuvor wurde sie mit einem verborgenen zweiten Schalter scharf geschaltet. Der Test zu Hause in unbelebter Straße bewies die Funktionsfähigkeit mehr als laut und damit ausreichend. Für einen Test bei eingeschalteter Zündung gab es ja keine Veranlassung, man saß dann ja selber auf dem Motorrad.

So ging es dann los, zuerst Stuttgart (Porsche) und dann nach München (BMW), auf Piwigo sind unter: https://wordpress.hol-den-ball.de/piwigo/index.php?/category/75  Fotos des guten Starts zu finden. Die mangelnde Qualität liegt an der langen Lagerzeit, bis die Dias endlich digitalisiert wurden.

1976-bmw-2Hinter München wird es dann schnell bergig. Die Planung hatte die 6 höchsten Pässe Europas vorgesehen. Die Qualität der Ausrüstung führte bei genügender Höhenlage dazu, dass ich morgens vor Sonnenaufgang alles an hatte, was ich dabei hatte. Und trotzdem habe ich gefroren wie ein Schneider. In dem Zelt konnte man so gerade aufrecht auf der Seite liegen.

Morgens half dann die Sonne weiter, jedoch nach ca. 15 min war die fröhliche Ausfahrt zu Ende. Heißer Hintern und Qualm unter der Sitzbank bedeutete FEUERALARM. Wenn die Krauserkoffer dran sind, geht die Sitzbank nicht auf, also erst rechten Koffer ab, dann aufklappen, dann Werkzeugschale raus und die offenen Flammen bekamen jetzt erst recht gut Sauerstoff.

Der mit 24 l Benzin gefüllte Tank führte zu einer schnellen Fluchtreaktion, aber nach 2-3 min hielt ich es nicht mehr aus, meine ganze Arbeit sollte am Straßenrand irgendwo im Niemandsland der französischen Alpen abbrennen?

NICHT MIT OPA HEINZ SEIN SOHN!

Wider besseres Wissen, aber wir hatten ja alle den Tank damals nicht festgeschraubt, traute ich mich den Tankausbauhandgriff anzuwenden. Hinten hoch, dann 5 cm nach hinten und anschließend vorne hoch. Klappte sogar und ihr glaubt nicht, wie weit man einen 24 l Tank werfen kann.

Der Idiot.Phys. hatte jedoch nicht bedacht: An dem Tank sind zwei Benzinhähne, auf die wiederum Benzinschläuche aufgesteckt sind. Reißt besagter I.P. nun den Tank nach oben, werden Benzinhähne und Schläuche getrennt. Wie allgemein bekannt sein dürfte, ist Benzin recht leicht entzündlich, insbesondere in der Nähe von offenen Flammen.

Das Folgeproblem war also eine beeindruckende Stichflamme und zunächst dachte ich, es wäre an der Zeit nunmehr Grillgut zu beschaffen, andere Maßnahmen erschienen nicht mehr sinnvoll.

Es war zum Glück aber nur die Tropfmenge, die verpuffte und tatsächlich löschten 0,7 l Mineralwasser die Flammen.

1976 bmw-3Nun stand ich aber mit den verkohlten Überresten da – und hier lösen wir das Rätsel mit dem zweiten Helm auf – und gleichzeitig in der Pflicht abends in einem bestimmten Hotel in Cannes einzutreffen. Veronika würde dort warten und wir könnten ein paar Tage zusammen verbringen. Es sei angemerkt: Adresse hatte ich, aber keine Telefonnummer. Ich mache es kurz, am folgenden Tag konnte ich das Abenteuer erklären und wir haben dann schon ein paar Tage zusammen verbracht. Alles s e h r züchtig. Sie Hotel, ich Campingplatz. Es hat sich dann später nichts so richtiges ergeben, obwohl wir schon zusammen in dem Schmalspurzelt lagen. Aber für „tiefergehende“ Aktionen war es nun wirklich zu eng da drin ;-)).

Der Plan war, zu warten, ob vielleicht ein Auto kommen würde und dann … ach ja die Sprache.

Wie schrieb Hannes Wader so schön in: Damals… im Refrain: Große Ziele, Träume, alles liegt so weit zurück; Vertane Zeit, verpasste Chancen und oft unverdientes Glück; zuviel von dem, was ich mir wünschte, habe ich niemals erreicht …

Das unverdiente Glück kam in Form eines Citroen HY Kastenwagen mit Blaulichtern auf dem Dach. Ihr wisst schon diese Wellblechkiste, die heute schon mal als Imbisswagen zu sehen ist.

Mein Freund und Helfer machte nicht viele Worte, wäre bei mir auch sinnlos gewesen und ruck zuck war die ausgebrannte Gummikuh in polizeilichem Gewahrsam. Eine ziemlich unendliche Erleichterung war mit dieser Unterstützung verbunden.

Vor der Wache wurde ausgeladen und dann wurde ich zur nächsten Werkstatt transportiert. Ich glaube, es war auch gut, dass ich überhaupt nicht verstand, was der freundliche Uniformträger und der Werkstattbesitzer über den dämlichen Deutschen austauschten, der seine BMW an der einsamst denkbaren Stelle abgefackelt hatte.

Ersatzteile waren natürlich nicht vorhanden, der Austausch mit Händen und Füßen hatte das Ergebnis, es doch mit Isolierband zu versuchen, davon gab es jedenfalls reichlich.

Also machte ich mich ans Werk jeden einzelnen Draht aus dem verkohlten Haufen zu ziehen und einzeln abzuisolieren. Mhm, aber die Hochspannung? Setzen wir den I.P. wieder in den Stand S.P.: eine Lage Lappen, eine Lage Isoband, usw., ich meine es waren 5 Lagen. Nach einiger Zeit war dann alles tatsächlich umwickelt.

Mal angenommen das Ganze würde elektrisch funktionieren, immerhin saßen die Zündspulen ja im Brandherd, vom Luftfilter gab es nur noch das Drahtgitter, die Gummihutze der Luftansaugung hatte sich in Luft und Asche aufgelöst, usw., es gab da ja auch noch die Benzinseite.

Auch hier unverschämtes Glück, ein Benzinhahn war abgeschmolzen, aber der andere – oh Wunder – intakt. Der Schlauch war verwendbar und über die T-Verteilung konnten beide Vergaser versorgt werden.

Naja, reinigen war nicht wirklich möglich, aber nach so 3-4 h war es soweit und ich glaubte es selbst kaum, die Karre sprang an. Es kam so etwas wie Hoffnung auf, zwar mit Verspätung, aber immerhin das Ziel noch erreichen zu können.

Deos sudor antequam successus est- oder so ähnlich, vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt (der interessierte Leser wird anmerken, da gehört eigentlich ein grieichisches Zitat nach Hesiod hin, aber mit dem Griechischen, ist es wie mit dem Französischen …).

Kleine Spende an die Kaffeekasse, eine herzliches Dankeschön und Stud.Phys. N.M. war wieder „on the road“.

Die Freude währte jedoch nur kurz, denn nach 15 min waren die Stiefel – Bundeswehr, vulgo: Knobelbecher – irgendwie feucht, eher schon nass. Mhm, auch hier Hannes Wader? Liedtitel: Ich bin unterwegs nach Süden und will weiter bis ans Meer. Stimmte eigenlich. Im Text taucht dann auf: „… aber der Schweiß in meinen Stiefeln …“ Selbst wenn es Angstschweiß sein sollte, soviel konnte es dann doch nicht sein.

Also rechts ran, Stiefel aus, Geruchsprobe auf einem Bein, Ergebnis: Benzin, mit Noten von Fuß …(das überlassen wir jetzt mal der Fantasie).

Analyse: kein Luftfilter, unzureichende Reinigung, Dreck in beiden Vergaser, Schwimmerkammern laufen über, Stiefel unter Schwimmerkammern laufen voll Benzin.

Abschätzung: 24 l, 1 l Verlust auf 100 km, Zitat aus: Das Boot vom LI: „Könnte gehen, könnte gehen.“

Ging dann auch, Küstenähe in der Dunkelheit erreicht – aber dann: Mitten auf der A8, der La Provencale, Motor aus. So wie sie ausging war schon klar, die Abschätzung – typisch für Physiker – war hinreichend ungenau. Es fehlten so 30 Kilometer.

Abhilfe???

Naja, den Anhalte-Stunt aus amerikanischen Kriminalfilmen – ich bin vom FBI, Agent N.M. wollte ich dann doch nicht auf der Autobahn versuchen. Mein Bedarf an Hochrisikoentscheidungen war für die nächsten Monate gedeckt.

A b e r, als ich die Gummikuh an die Seite geschoben hatte, war sie, wohl leichter Schwächeanfall durch permanentes Benzinschnüffeln, umgefallen. Die Sturzbügel verhinderten größere Schäden, und zwar auf die Seite des abgeschmolzenen Benzinhahnes.

Wenn einem nichts mehr einfällt, wiederholt man Tätigkeiten, die vorher schon nicht funktioniert haben. Ist vielleicht ein Relikt ehedem christlicher Erziehung. Ihr wisst schon: Wunderglauben, Seligsprechung, Auffahren in den Himmel, Vergebung aller Sünden, usw.. In der nunmehr doch sehr heftigen Frustration, es so kurz vor dem Ziel doch nicht zu schaffen, hätte ich alles gekauft, auch wenn es mit einem monatelangen Klosteraufenthalt hätte verbunden sein müsssen.

Kurz gesagt, ein neuer Startversuch – und dem Himmel sei dank, die Kiste lief wieder.

Erklärung: Esoterisch: Nun ja, wer Wasser in Wein verwandeln kann, verwandelt vielleicht auch Luft in Benzin.
Physikalisch: Der Tank sitzt auf dem Rahmenrohr und hat dadurchquasi 2 Taschen, die linke war auch mit Reserve leergefahren, aber die rechte, wegen des fehlenden Benzinhahns konnte nicht leer sein. Der Umfaller, sorgte dafür, das ein Teil des Benzins rüberschwappte und die Weiterfahrt ermöglichte.

Fazit: Die Abschätzung war also doch nicht so schlecht gewesen, das Prozedere: Hinlegen/Aufrichten – steile Lernkurve ;-) – musste übrigens noch zweimal wiederholt werden, dann hatte ich eine rettende Tankstelle erreicht.

Mittlerweile war ich jedoch völlig aus dem Zeitplan, es war wohl ungefähr so ein Uhr Nachts. Bei fehlender Telefonnummer des genannten Hotels konnte ich auch nicht Bescheid geben. Als Ausgleich für diese weitere Schwierigkeit fing es dann an zu regnen, eher zu schütten. Der Norddeutsche sagt da gern mal: „Jo, Schauerböen, sonst gute Sicht.“

Um 02:00 h war ich dann so müde und erschöpft, dass ich dringend einen Schlafplatz brauchte. Ein Stück Wiese vor irgendeinem Haus erschien mir passend, den Zeltaufbau, siehe Regen, bewältigte ich auch noch. Anschließend tiefer traumloser Schlaf.

Morgens Sonne, die Benzindämpfe waren weggeschnarcht, raus aus dem Zelt und neuer Schock. Hatte im Vorgarten eines Bauern gezeltet, der war aber wohl schon auf dem Feld oder ging seinem Tagesgeschäft nach und hatte mich schlafen lassen. Die Benzindämpfe gepaart mit Erschöpfung hatten auch hier wohl zu einer schnellen aber unzureichend durchdachten Entscheidung meinerseits geführt. Vielleicht hatte der Bauer aber auch die Maschine gesehen und sich gesagt, naja der hat’s schwer genug gehabt, lass den mal schlafen.

Etwas später konnte ich mich entschuldigen und bin heute noch dankbar für die erfahrene Freundlichkeit.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Abends zum Hotel und den berechtigten Zorn glätten – was, wegen fehlenden technischen Verständnissses, nicht ganz einfach war. Es hieß eine ganze zeitlang, wieso, fährt doch.

Und in der Tat mit den McGyver-Lösungen bin ich 10 Tage in Frankreich herumgefahren, auch die Vergaser hatte ich dicht bekommen, Ein Luftfilter, ein Benzinhahn, und anderes war auch zu bekommen. Die Lappenisolierung der Hochspannung blieb so. Und die Gummikuh hat mich dann auch wieder nach Hause gebracht.

Die Versicherung war dann noch etwas zickig und verlangte Fotos (Bedingung offene Flammen), waren dann aber der Argumentation: Jo, die Feuerwehr fotografiert auch erst und löscht dann, zugänglich. Und Gaffer – mangels Handy – gab es damals ja nicht.

Epilog: Heute haben alle Maschinen Benzinpumpen, brennen jedoch gelegentlich immer noch ab. Dann sind wir aber bei den zuerwartenden Schäden aus DIY raus und es kommt der ADAC. Manches ist bequemer und vor allem risikoärmer geworden.

RAT: Baut keine brennenden Benzintanks aus, nehmt einen kleinen Feuerlöscher mit, das erhöht die Lebenserwartung. Auch bei mir ist immer einer dabei und ich fahre immer noch 8-)).

Weil es so „schön“ war, die Fotos des Schadens:

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